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Italo Bacigalupo: Der Lindenhardter Altar. Grünewald oder Hans von Kulmbach? PDF Drucken E-Mail

Von Bayreuth nach Lindenhardt - Zu Italo Bacigalupos Buch über den Lindenhardter Altar

von Frank Piontek

 Natürlich hat der Fall, wie es in den „Meistersingern“ so treffend heißt, viel Lärm auf der Gasse gemacht – zumindest auf der Lindenhardter. Dabei wusste schon Luther, dass „schwerlich wieder herauszureißen ist, und soll bald Ketzerei sein, wo man ein Wort ändert“. Italo Bacigalupo ist solch ein Ketzer – dabei hat er nur seine Arbeit gemacht. Er hat, was am Ort als Nestbeschmutzung aufgefasst wird, als Meister des Lindenhardter Altars nicht Matthias Grünewald ausgemacht, sondern Hans Süss von Kulmbach. Die Gründe sind schwerwiegend, sie setzen, das kann der Leser nach der Lektüre seiner äußerlich wie innerlich schwergewichtigen Dissertation sagen, all jene in Verteidigungsnöte, die sich aufgrund von problematischen Gutachten auf den berühmteren Meister versteifen. Dass Bacigalupo gelegentlich in fast persönlichem Ton austeilt, mag unangenehm berühren – wesentlich bleibt das nachprüfbare Ergebnis.

Spannend ist schon die Nachzeichnung der Zuschreibungsgeschichte, die typisch ist: Karl Sitzmann selbst brauchte Jahre, um von einer bloßen Vermutung zu einer „Gewissheit“ zu kommen, die unter Experten immer umstritten war. Aus seiner anfänglichen Überlegung wurde eine „Tatsache“, die später mit psychologisch höchst fragwürdigen Überlegungen scheingestützt wurde: Grünewald habe absichtlich dilettantisch gemalt. Ist eine Theorie aber erst einmal einigermaßen befestigt, so wird es immer schwerer, eine völlig andere Theorie, und sei sie wesentlich besser, dagegen ins Feld zu führen. Das Buch über den Altar – die bedeutendste, tiefgründigste, facettenreichste Monographie, die dem Kunstwerk jemals gewidmet wurde – sollte alle Skeptiker davon überzeugen, dass ein relativ sicherer Meister namens Hans Süss von Kulmbach wertvoller ist als ein unsicheres Genie namens Matthias Grünewald, denn der Dürerschüler war ein honoriger Meister, dem wir herausragende Kunstwerke verdanken. Ja, „es ist ein Märchen, was man sich bis jetzt über den Maler gläubig erzählt hat“. Dass es dem Autor auch um den Glauben geht, erweitert unsere Kenntnis der Nothelferbilder und der problematischen Rückseite mit dem schwammigen Christus auf ungeahnte Weise, aber wie kam Bacigalupo nun auf Kulmbach?

Die unmittelbare Nähe vieler Motive der 14 Nothelfergestalten und die originelle Gesamtkomposition der auf den Betrachter zuschreitenden, den Rahmen berührenden Heiligengruppen führt unmittelbar in die Dürer-Werkstatt. Der Begriff mag problematisch sein; der Autor erläutert, gestützt auf einen riesigen Apparat von original erarbeiteten Quellen, bis ins Kleinste, wie schwer es ist, Dürers „shop“, mit einem Seitenblick auf Hanns Peheim, zu rekonstruieren. Doch ist das, was wir über die Abhängigkeit des Malers von den bei Dürer kursierenden Zeichnungen erfahren können, doch sehr groß. Man muss nur genau hinschauen auf die Skizzen und Holzschnitte und Altarbilder mit den Heiligen, den Kopfbedeckungen, den Haltungen, Gesten und kleinen Teufeln. Man muss dafür freilich die aktuelle Kulmbach- und Handbuchliteratur korrigieren. Es ist gewiss mühselig, sich durch die Zuschreibungsprobleme zu arbeiten, es ist nicht ganz leicht, die Datierungsfinessen der Kunstwissenschaft in Bacigalupos Kritik zu verfolgen, aber es wird klar, dass Grünewald von Nürnberg, dem Herstellungsort von Malerei und Schnitzwerk, sehr weit entfernt ist.

Wer es noch nicht wusste, erfährt, dass der Altar ursprünglich in einem Seitenschiff der Bayreuther Stadtpfarrkirche stand: als Stiftung des Fritz Rot, der mit Dürers Vater bekannt war, als Pate von Dürers Bruder Johannes diente und als bayreuthstämmiger Bürger in Hof lebte. Wo und warum der Altar einst genau stand, ist nicht weniger wichtig wie die Frage, wer ihn schuf. Bacigalupos Monographie beschränkt sich daher nicht auf die „reine“ Kunstwissenschaft. Er fragt, welche Funktion der Altar ursprünglich im Rahmen von Ablass und Totenfürsorge, von Teufelsideologie und Christusheil hatte. Er plädiert dafür, den Altar auch der genauen, nicht der bloß gefühligen theologischen Betrachtung wiederzugeben, indem er die vorreformatorische und die lutherische, aber auch die aktuelle Bedeutung des theologisch lesbaren Kunstwerks betont, das – so genau hat man den Weg des Altars noch nie verfolgen können - zunächst in einer katholischen, dann in zwei protestantischen Kirchen stand und steht: „Wir erleben den Altar allerdings nicht, wenn wir als Touristen in die Kirche kommen“, wie Peter Poscharsky einst sagte. Der Theologe kann nicht nur die kaum zufälligen Ähnlichkeiten der Tafelbilder mit den Werken Hans Süss von Kulmbachs aufzeigen. Es geht, sagt er, zuletzt um das „Wir“ einer vielfältigen Gemeinde: „das sind Protestanten, die sich über den 'gnädigen' Gott Gedanken machen, Katholiken, die lehramtlich darüber informiert werden, wie ihre 'Infusions-Gnade' geschehe, und letzten Endes auch 'neutrale' Kunstbetrachter, die ihre kirchliche Neutralitätsentscheidung überdenken können.“ So betrachtet, hat Bacigalupo mit seiner erstklassig untermauerten Arbeit, die man ihm im Schatten des Altars danken sollte, den Lindenhardtern „ihren“ Altar nicht „kaputt gemacht“, sondern wiedergegeben: als wahrscheinliches Werk eines sehr guten Nürnberger Künstlers – und als inhaltlich aufgeladener Altar, der mehr ist als ein künstlerisch durchaus nicht erstklassiges Spekulations- und Kunst-“Objekt“.

Italo Bacigalupo: Der Lindenhardter Altar. Grünewald oder Hans von Kulmbach? Imhof Verlag, 39,00 €. 

 
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